Ich erinnere mich

Hier eine kleine Schreibübung, um Zugang zu Erinnerungen zu finden, frei schreiben zu lernen und näher an den Kern guten Schreibens zu kommen…Sie nennt sich Joe Brainard Übung und ist in Autorenkreisen ziemlich sicher ein alter Hut, für Laien aber nicht zwingend…Wer sich eine gute, unkomplizierte Erklärung dazu ansehen möchte, dem sei folgendes Video von JuliaKStein ans Herz gelegt. Anmerkung am Rande, die Übung sollte von Hand erfolgen, da nur von Hand Geschriebenes, die kreative und die logisch arbeitende Hirnhälfte produktiv verknüpft. Auch ich habe die Übung zunächst von Hand verfasst und gebe sie an der Stelle lediglich wieder, so wie sie mir in dem Moment begegnet ist. Als ich den Stift ablegte, schmerzte nicht nur mein rechter Handballen, sondern ich war auch von Löwenzahnfeldern zu Angst hinter zugezogenem Vorhang gekommen. Wie? Fragt mich nicht! Faszinierend.

Ich erinnere mich, mich immer gut zu fühlen, solange die Musik des Lebens gut hörbar im Hintergrund lief. Ich erinnere mich, barfuss im Garten herumzurennen, von so mancher Biene gestochen worden zu sein..Ich erinnere mich, die Johannisbeeren zu 1000enden zu ernten. Wie hinter mir unter dem Zwetschgenbaum der Sandkasten stand. Rund herum die heruntergefallenen Früchte, halb verfault, mit lauter Insekten darum herum. Wie wir einst Igel einsammelten und im Eimer über den Gartenzaun in die Wiese des Bauern retteten. Die Wiesen um uns herum voller Löwenzahn, über und über alles gelb. Es war ein schöner riesiger Garten mit Zwetschgen, Himbeeren, Johannisbeeren. Deren waren es drei, zwei rote und einer schwarz. Ich erinnere mich, Papa mochte sie nicht. Der Garten voller Rosen, Birken, einem Brunnen. Wir Kinder malten die Wand des Kelleraufganges kohlrabenschwarz an. Ich erinnere mich an die Tränen, weil wir die Schmiererei mühsam entfernen mussten. Ich erinnere mich an meine Schulfreundin, nur eine Strasse weiter. Wir trafen uns oft auf dem Spielplatz ihres Wohnquartiers. Ein gewöhnlicher Ort, mit vielen Erinnerungen. Da steht ein Schuppen, ein Haselstrauch, rund herum Wiesen. Ein kleiner Bruder, der oft dabei war. Ich erinnere mich..

Der Schulweg war eine Pracht. All die Schnecken, Hasen in Hotelvorgärten, Hunde, die laut bellten, wenn ich meine Finger zu den Hasen in die Zaunlücke streckte. Immer und immer wieder kam ich zu spät zur Schule. Daran erinnert sich meine Mutter. Ich erinnere mich an die Schule, mitten im Dorf. Der Weg war lang. Er führte den Kiesweg hinunter, über die Hauptstrasse, die Kirchgasse hoch, schräg rechts das Pfarreiamt, links geradeaus der Kindergarten und rechts um die Kurve, die Schulhäuser. Ein altes, über 100 Jahre alt. Eines fürs Turnen und Kochen. Besser bekannt in der Öffentlichkeit als Mehrzweckraum mit Maskenball an der Fasnacht. Was wurde da gesoffen, gelacht und gelärmt. Torkelnde Gestalten, die ganze Nacht. Nein, so um 5 Uhr waren auch die meisten Anderen danach still.

Ich erinnere mich, ängstlich hinter dem altmodischen Rüschenvorhang zu stehen, oben im Zimmer, mit Blick auf die Strasse. Ich erinnere mich, ich hatte Angst vor diesen unberechenbar gewordenen Gestalten. Wer die wohl alle waren?

Ich erinnere mich, ich denke ich war sieben.

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